Sprachlich schachmatt gesetzt – die Blockade im Kopf verstehen und mit ihr umgehen lernen

 

Wenn ich in meinen Rhetorik- oder Schlagfertigkeitsseminaren frage, wem es schon mal so ergangen ist, dass ihm die passende Antwort auf eine verbale Attacke oder Lästerei nicht in der entsprechenden Situation, allerdings kurze Zeit später, im Fahrstuhl, Auto oder zu Hause in der Badewanne eingefallen ist, melden sich immer hundert Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Natürlich recke auch ich meinem Arm in die Luft, denn auch mir bleibt angesichts einer unerwarteten Unverschämtheit schon mal die Spucke weg.

Wie kommt es, dass wir alle irgendwann von dieser Blockade im Kopf betroffen sind? Und dass wir alle so „schlau“ sind, eine passende Antwort etwas später parat zu haben?

Situationen, in denen man sich angegriffen fühlt, bedrohen unsere Souveränität. So geht es uns zum Beispiel, wenn sich eine Kollegin oder ein Kollege im Ton vergreift, unsere Stellung in der Hierarchie in Frage gestellt wird, wenn uns jemand unfreundlich anblafft, wenn wir in einem Meeting provokativ kritisiert werden, wenn unsere „wunden“ Punkte angesprochen werden, wenn wir geneckt werden. Wir sind dann perplex und überrascht, wollen reagieren, schaffen es aber nicht und haben das Gefühl, ganz schön blöd dazustehen. Unsere Souveränität ist dahin.

Die Hilflosigkeit und Wut in solchen Situationen unterliegt den gleichen körperlichen Gesetzmäßigkeiten wie andere Stresssituationen (Gefahren, Konflikte etc.). Sobald der Gedanke an eine Gefahr (früher war das der Bär im Wald, heute sind es z.B. verbale Angriffe) im Hirn herum spukt, werden die Schaltzentralen im Gehirn für Gefühle und Instinkte, – u.a. das limbische System – aktiv. Allein die Tatsache, eine Situation als schwierig oder gefährlich zu bewerten, reicht aus um den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Stehen wir unter Zeitdruck, da wir schlagfertig sein möchten, erhöht sich unser Stresspegel. Das vegetative Nervensystem, das wir nicht bewusst steuern können, reagiert, es kommt zu einer erhöhten Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin. Diese Hormone wirken auf die Synapsen in unserem Gehirn und führen im Extremfall zu einer Kristallisierung, sprich die Synapsen verkleben. Rationales Denken, das für eine passende, verbale Retourkutsche nötig wäre, ist nun stark eingeschränkt.

Steht uns unser rationales Denken nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung reagieren wir nach einem in der Steinzeit erlernten Muster, das zu dieser Zeit für das Überleben wichtig war: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Die Erstarrung in einer Gefahrensituation entspricht bei Tieren dem Totstellreflex. Im verbalen Bereich trifft uns diese Erstarrung, wenn unser rationales Denken durch Stresshormone blockiert wird. Wir sind dann verbal Schachmatt, erleben den – demütigenden – Zustand einer Blockade. Mediziner nennen diesen Prozess eine „fehlangepasste Reaktion“ des Körpers. Dieser läuft sehr schnell und automatisiert ab. Wir können nichts dafür, unsere Reaktionen sind „normal“.

Wie gehen wir nun am besten mit einer Blockade um?

Alles, was der Entspannung dient ist hier hilfreich. Denn Entspannung ist auch der Grund, warum uns die passende Antwort auf eine Verbalattacke im Nachhinein einfällt. Die schwierige Situation ist vorüber, die (vermeintliche) Gefahr gebannt, der Körper hat die Stresshormone abgebaut, unser Denken funktioniert wieder.

Folgende Hilfsmaßnahmen helfen gegen das verbale Schachmatt:

  • Kultivieren Sie eine möglichst entspannte Grundhaltung im Leben. Hilfreich können Yoga, Meditation, autogenes Training, aber auch der regelmäßige Abbau von Stresshormonen durch Bewegung und Sport sein.
  • Etablieren Sie eine flexible, innere Haltung, die offen für Überraschungen ist und akzeptiert, dass sie manchmal sprachlos sind. Der verkrampfte Versuch, unbedingt immer richtig zu reagieren, ist zu starr und führt geradezu in die Blockade hinein.
  • Betrachten Sie Verbalattacken und Provokateure als Herausforderung, der Sie sich stellen und begrüßen sie diese als gutes Übungsfeld für ihre persönliche Weiterentwicklung. Sehen Sie also eher die Chance als die Bedrohung. Die gedankliche „Bewertung“ einer Situation bestimmt ihre Emotionen und damit auch ihren Stresslevel.
  • Atmen Sie tief in den Bauch ein (mind. 3 Sek) und ruhig wieder aus. So entspannen Sie ihren Körper. Dies gibt ihnen auch Zeit, zu überlegen, wie Sie auf eine Verbalattacke reagieren könnten.
  • Nehmen Sie bewusst und sichtbar eine souveräne Körperhaltung ein. Am besten machen Sie das immer, mindestens aber in schwierigen Situationen. Das wirkt zum einen auf ihr Gegenüber, reduziert aber auch erwiesener Maßen den Level der Stresshormone im Körper.
  • Nutzen Sie ein „Bild“, das ihnen erlaubt, die Verbalattacke nicht an sich heran zu lassen sondern vorbeischießen (z.B. Pfeil) oder an sich abprallen zu lassen (Rüstung, Airbag, Glashaube, Luftballon, Schutzschild etc.). Schaffen Sie so für sich Distanz zur Situation. Ich persönlich stelle bei mir bei einer Verbalattacke gerne einen Pfeil vor, der an mir vorbeigeschossen ist, verbinde das mit einer leichten Körperdrehung (ich gucke dem Pfeil nach), wende mich dann ruhig dem „Angreifer“ zu und reagiere langsam und bewusst sachlich.
  • Bereiten Sie sich gedanklich auf „wahrscheinliche Fälle“ vor und überlegen Sie, wie Sie zukünftig verbal und auch mit souveräner Körpersprache reagieren, wenn Sie wieder auf ihre Blässe / ihre Körpergröße / die neue Brille / ihre Nervosität / ihre Vergesslichkeit etc. angesprochen werden. Beobachten Sie auch, wie andere solche Situationen meistern und lernen Sie so von Vorbildern.
  • Lernen Sie Schlagfertigkeitstechniken. Es gibt ganz einfache und auch komplexere Methoden, die helfen, immer die passende Antwort parat zu haben. Beginnen Sie mit einfachen Techniken, wenden Sie diese an, registrieren Sie Ihre Weiterentwicklung und erweitern Sie langsam aber stetig ihr Repertoire. Der Mensch verändert sich nicht von heute auf morgen, haben Sie Geduld mit sich, aber bleiben Sie „dran“.
  • Nutzen Sie die Kraft des Humors, denn Humor hilft, Spannungen abzubauen. Versuchen Sie die Komik einer Situation zu erkennen, indem Sie dem Provokateur gedanklich eine Clownsnase aufsetzen, überlegen, welchem Tier die Person ähnlich sieht etc. Auch hier hilft gedankliche Vorbereitung, wenn Sie die typischen Provokateure bereits kennen. Für sehr ernste und belastende Situationen ist dieses Verfahren allerding nicht geeignet.
  • Haben Sie Mut, auch mal frech und witzig zu regieren und riskieren Sie im Mittelpunkt zu stehen. Und wenn es misslingt, akzeptieren Sie auch das, überlegen Sie was schief gelaufen ist, welche Reaktion besser gewesen wäre und entwickeln Sie sich so Stück für Stück weiter. Die gedankliche Nachbereitung hilft Ihnen dabei, zukünftig souveräner zu reagieren, denn die neu entwickelten Ideen erweitern ihr Reaktionsspektrum.

Zum Schluss noch ein Spruch zum Merken:

„Wer dich ärgert, versklavt dich auch“, denn er bestimmt über deine Gedanken und Emotionen. Bleiben Sie hier Frau oder Herr im eigenen Hause – das ist ungemein entspannend.